Die höhere Berufsbildung wird unterschätzt

Neue Zürcher Zeitung  vom 14. August 2025  Seite 18

Von Rudolf Strahm

Fachkräftemangel herrscht vor allem an mittleren Kadern mit Berufslehre und höherer beruflicher Weiterbildung. Die Reputation spielt dabei eine Rolle, dringlich wäre eine Aufwertung der Abschlüsse. Gastkommentar von Rudolf Strahm

Es gibt rund 440 spezialisierte Abschlüsse der höheren Berufsbildung (HBB). Aber wer kennt schon diese eidgenössischen Weiterbildungsstufen, die den Anschluss an die Berufslehre und die weitere Karriere sicherstellen? Doch nun gelangt diese weitherum verkannte Fachqualifikation in den parlamentarischen Fokus. Der Bundesrat schlägt in seinem Massnahmenpaket zur Stärkung der höheren Berufsbildung eine Titelaufwertung der Abschlüsse mit dem «Professional Bachelor» und dem «Professional Master» vor, wie ihn Deutschland und Österreich seit Jahren kennen. Alle Wirtschaftsverbände von rechts bis links sind dafür; doch die Swissuniversities bekämpfen die Titelaufwertung aus standespolitischen Gründen.

Obschon sie ausserhalb der Branchen wenig bekannt sind, verhelfen die jährlich rund 29 000 HBB-Abschlüsse (2024) den Absolventen der Berufslehre zu einem weiteren Schritt in ihrer Berufskarriere, und – wichtiger noch – sie liefern das tragende mittlere Kader für die KMU-Wirtschaft.

Entscheidend bei Berufswahl

Ein wichtiger Grund für die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber der HBB ist die Vielfalt der Abschlüsse mit rund 440 spezialisierten Berufsbezeichnungen. Es fehlt ein übergeordneter, einprägsamer Titel. Demgegenüber kennt man in der Berufslehre die Titel EFZ für das eidgenössische Fähigkeitszeugnis nach drei oder vier Jahren Lehrzeit und EBA für das Berufsattest nach zwei Jahren. Auf den Hochschulstufen kennt man die exklusiven, einprägsamen Titel des Bachelors, des Masters und bei universitären Abschlüssen des Doktorats.

Die formalen Abschlüsse der höheren Berufsbildung sind eidgenössisch anerkannt und geschützt und werden in der Bildungssystematik zur Tertiärstufe gezählt. Es gibt diese drei gesetzlich geregelten HBB-Abschlüsse: Die eidgenössische Berufsprüfung (BP) führt zum Fachausweis. Die eidgenössische höhere Fachprüfung (HFP), das ist die frühere Meisterprüfung, führt zum eidgenössischen Diplom (oder Meister). Und die höhere Fachschule (HF) – oft verwechselt mit der Fachhochschule (FH) – führt zum Diplom HF. Diese drei HBB-Bildungsgänge sind, nur mit Ausnahme einiger öffentlicher HF, ein Mehrfaches teurer als die Semestergebühren an den öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen. Nun will der Bundesrat neben anderen Besserstellungen für die sichtbarere Reputation dieser drei Tertiärabschlüsse den Titelzusatz «Professional Bachelor» und für die Topweiterbildungen den «Professional Master» aufwerten, sichtbar machen und schützen.

Die Bekanntheit von Berufstiteln ist entscheidend bei der Berufswahl. Gerade Eltern von Jugendlichen sind angesichts des begehrten und gepushten Gymi- und Universitätszugangs umgetrieben von der Richtungswahl: «Gymnasium oder Lehre?» Sie fragen die Berufsberaterin nach der Berufskarriere: «Was ist man dann nach der beruflichen Weiterbildung? Wie lautet der Titel?»

Die Titelfrage ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker wegweisend für die gesellschaftliche Reputation geworden. Man lese nur die phantasievollen Wortschöpfungen bei Stellenausschreibungen! Manche Expats-Eltern, die das durchlässige schweizerische Bildungssystem mit dem Prinzip «Kein Abschluss ohne Anschluss» nicht kennen, kritisieren häufig die mangelnden Maturitätsangebote in der Schweiz, und sie machen besonders auch im Kanton Zürich Druck für mehr Gymnasiumsplätze.

Es geht aber nicht nur um die gesellschaftliche Reputation und Bekanntheit der höheren Berufsbildung. Vielmehr spricht der Fachkräftemangel dafür, dass heute alle Wirtschaftsverbände die Titelaufwertung der HBB-Abschlüsse dezidiert befürworten. Fünf Gründe stehen aus wirtschaftlicher und arbeitsmarktlicher Sicht im Vordergrund.

Erstens: Die Absolventen von höheren Berufsbildungsabschlüssen und in etlichen Branchen auch jene von Fachhochschulen sind zahlenmässig die meistbegehrten Fachkräfte, wie die BFS-Unternehmensbefragungen zeigen. Es sind die gefragten mittleren Kaderpersonen, Meister, Teamchefs, Techniker und Poliere, die sowohl von der Berufslehre die praktischen Fähigkeiten von der Pike auf (Skills) als auch von der höheren Berufsbildung das höhere technische Fachwissen (Knowledge) mitbringen. Sie können Praxisteams selbständig führen wie auch Offerten und technische Kalkulationen berechnen. Die Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB) hat in Langzeitauswertungen von Berufsindikatoren gezeigt, dass HBB-Absolventen die tiefsten Arbeitslosenquoten und die höchsten Beschäftigungsquoten vorweisen – und eine signifikant bessere Arbeitsmarktfähigkeit als die Berufslehre- und Universitätsabsolventen.

Zweitens: Die Ausbildungsgänge der höheren Berufsbildung werden aufgrund der Vorschläge der Berufsverbände und Organisationen der Arbeitswelt (OdA) festgelegt. Sie werden mindestens alle fünf Jahre überarbeitet und aufgrund der Unternehmensbedürfnisse ständig am Arbeitsmarkt und an den neuen Technologien ausgerichtet. Damit werden sie für Arbeitgeber transparent. Dies im Gegensatz zu den nonformalen Weiterbildungsabschlüssen wie CAS, DAS, MAS der Universitäten und Fachhochschulen, die von diesen Institutionen frei gestaltet und oft als intransparent empfunden werden.

Technologie-Diffusion

Drittens: Die HBB-Weiterbildungen sind mehrheitlich berufsbegleitend und modularisiert mit Teilzeitpensen möglich. Das erlaubt Berufsleuten mit einem EFZ, ohne Berufsmaturität noch mit 25, 30 oder 40 Jahren berufsbegleitend karrierefördernde Weiterbildungen – oft auf Anregung ihrer Arbeitgeber – zu absolvieren und zu Kaderpositionen aufzusteigen. Sie erwerben Kenntnisse zu neuen Technologien, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Oft sind die Lehrpersonen selber im Kader in der Privatwirtschaft, und diese haben den Ehrgeiz, die neusten Methoden und Techniken zu vermitteln. Im Energiebereich sind es zum Beispiel die Innovationen in Solar-, Sensor-, Wärmepumpentechniken und Gebäudeautomation. Im Rechnungslegungsbereich sind es die neuen Controlling-, Steuer- und Bilanzierungspraktiken sowie Treuhandexpertisen. Im Pflegebereich sind es die Innovationen bei der Operationsassistenz, der Radiologie oder den bildgebenden Diagnoseverfahren. Kurz: Über die höhere Berufsbildung läuft die wirksamste Verbreitung neuester Technologien. Die HBB-Absolventen sind die häufigsten «Technologie-Diffusions-Agenten» in der KMU-Wirtschaft.

Viertens: Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat im Vorfeld der Titeldiskussion alle Berufslehre- und HBB-Abschlüsse aufgrund des nationalen Qualifikationsrahmens, der sich an den europäischen Rahmen anlehnt, zugeordnet. Bei den Hochschulen sind die Bachelor auf Stufe 6, die Master auf Stufe 7 und das Doktorat auf Stufe 8 zugeordnet, ungeachtet der evaluierten Kompetenzen. Nun zeigte das SBFI, dass manche HFP- und HF-Abschlüsse im Kompetenzprofil auf Stufe 7 (wie Uni-Master) eingereiht werden können. Einige Top-HBB-Abschlüsse, wie etwa die dipl. Treuhandexperten, dipl. Wirtschaftsprüfer, dipl. Steuerexperten, sind sogar kompetenzmässig mit Stufe 8 kompatibel – was dem Doktorat entspricht. Es kommt vor, dass unkundige HR-Leute beispielsweise einen 22-jährigen Absolventen eines Bachelorstudiums an einer deutschen Hochschule einem erfahrenen 32-jährigen dipl. Experten für Rechnungslegung und Controlling als Chef vorsetzen, nur weil er einen akademischen Titel in die Bewerbung setzen konnte.

Fünftens: Die Internationalität von Berufen, etwa im Hotellerie-, Informatik-, Logistik- oder Textilbereich, erzwingt heute geradezu eine international vergleichbare Titeläquivalenz der schweizerischen HBB-Abschlüsse. Dies hat beim Bundesrat und danach auch im SBFI zum Umdenken geführt – das SBFI hatte sich in Anlehnung an Swissuniversities lange widersetzt.

Es ist eine Tragik (und ein Ärger), dass sich eine international ausgerichtete schweizerische Textilfachschule mit einer zweitrangigen englischen Privatuniversität zusammentun muss oder dass sich eine hiesige internationale Hotelfachschule an eine branchenfremde Fachhochschule anlehnen muss, damit diese für ihre spezialisierten, praxiserfahrenen HBB-Absolventen den europäischen Bachelor-Titel über Umwege verleihen dürfen. Solche Missstände hätten längst behoben werden müssen. Solche Selbsthilfeaktionen von Schulen oder Verbänden sind unerwünscht, wenn auch verständlich. Es ist zu hoffen, dass nun in den bevorstehenden parlamentarischen Beratungen dem standespolitischen Dünkel der Hochschulen zum Trotz die Titeläquivalenz zur Anerkennung und Aufwertung gelangt. Im Grunde geht es auch um eine Wertschätzung der Anwendungskompetenzen und der praktischen Intelligenz. Für die Zukunft des schweizerischen dualen Berufsbildungssystems ist die Aufwertung der höheren Berufsbildung matchentscheidend.

Rudolf Strahm war SP-Nationalrat und eidg. Preisüberwacher. Er hat bei der Berufsbildungsreform 1995–2003 mitgewirkt, 25 Jahre bei der universitären Berufsberaterausbildung unterrichtet und 7 Jahre den Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) präsidiert. Er ist Autor von «Die Akademisierungsfalle» (2014) und «Karriere mit Berufsbildung» (2023).

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